Drei Wochen ist die neue NBA-Saison nun schon alt: Während Maximilian Kleber (Dallas Mavericks) und Daniel Theis (Boston Celtics), ihre Rollen als wichtige Rotationsspieler augenscheinlich bestätigen können, scheint Dennis Schröder in seiner neuen Rolle als Starting-5-Point Guard der Los Angeles Lakers voll und ganz aufzugehen. Weitaus anders stellt sich die Situation bei Moritz Wagner dar.

Probleme in Washington

Im November 2019 sah die Lage noch sehr hoffnungsvoll aus: 30 Punkte und 15 Rebounds trug der 2,11 Meter große Power Forward zum 136:115-Sieg seiner Washington Wizards über die Minnesota Timberwolves bei. Nach einer schwierigen ersten NBA-Saison bei den Los Angeles Lakers schien Wagner nach dem Trade in die Hauptstadt endgültig in der Eliteliga angekommen. Durchschnittlich 8,7 Punkte und 4,9 Rebounds, so die Ausbeute in der vergangenen Spielzeit.

Doch der angedeutete Durchbruch hat sich zu Beginn dieser Saison erst einmal nicht bestätigt. Lediglich 13 Minuten Einsatzzeit stehen nach den ersten acht Spieltagen für den gebürtigen Berliner zu Buche. Die durchschnittlichen Werte bislang: 4,5 Punkte, zwei Rebounds und insgesamt 3,5 Fouls pro Partie. Neben der starken Konkurrenz, die bei den Wizards auf den großen Positionen herrscht, scheint Wagner auch seine Foulanfälligkeit Probleme zu bereiten. Sinnbildlich für Wagners bisherige Spielzeit ist dabei sein Auftritt in der Silvesternacht: Zwar traf Wagner gegen die Chicago Bulls zwei seiner drei Würfe und sicherte sich zwei Rebounds, zeitgleich hatte er aber auch in seiner ersten Minute auf dem Spielfeld bereits zwei And-Ones verursacht. Konstante Spielzeit, die der Big Man so dringend bräuchte, um in seinen Rhythmus zu kommen, ist aktuell Fehlanzeige. In der Rotation der Wizards kämpft Wagner derzeit mit Anzejs Pasecniks um die Minuten hinter Thomas Bryant, Robin Lopez, Davis Bertans, Rui Hachimura und Deni Avdija.

Erschwerend hinzu kommt, dass die Wizards jüngst auf eine vorzeitige Verlängerung von Wagners Vertrag verzichteten, sodass er nach der abgelaufenen Spielzeit Free Agent wird. Ob Wagners langfristige Zukunft in Washington liegt, ist aktuell zumindest fraglich.

Anfänge in Berlin

Seine ersten Schritte im professionellen Jugendbasketball machte Wagner in der Saison 2011/12 in seiner Heimatstadt. Zwei JBBL-Einsätze standen am Ende der Spielzeit zu Buche. In der folgenden Saison sollte Wagners Rolle jedoch entscheidend größer werden. Seine steigenden Einsatzzeiten nutzte er in seiner finalen JBBL-Saison zu 10,3 Punkten und 2,9 Rebounds pro Partie. Der anschließende Sprung in die NBBL bereitete dem Centerspieler keine allzu großen Probleme: Mit 7,6 Punkten und 4,8 Rebounds pro Partie nahm Wagner von Beginn an eine wichtige Rolle im traditionell sehr tief besetzten ALBA-Kader ein und hatte so entscheidenden Anteil an der zweiten NBBL-Meisterschaft der Hauptstädter.

In der Folgesaison, zu der unter anderem Vorjahres-MVP Ismet Akpinar die Mannschaft altersbedingt verlassen musste, sollte der Name Moritz Wagner nun endgültig auf den Notizzetteln von Scouts aus dem In- und Ausland ankommen. Auf herausragende 17,2 Punkte und 5,8 Rebounds kam Wagner als Spieler des mittleren NBBL-Jahrgangs. Parallel dazu folgten auch die ersten Einsätze in der easycredit BBL und auch zu den ersten Euroleague-Minuten sollte Wagner zeitnah kommen. Am Halbfinal-Aus des NBBL-Teams gegen den späteren Meister FC Bayern München konnte er jedoch nichts ändern. Wagner erwischte einen eher schwachen Tag und blieb mit neun Punkten (1/5 aus dem Feld) blass. Sein Potential hatte er jedoch über die Saison bewiesen.

Über Michigan in die NBA

Das blieb auch den Scouts der US-Colleges nicht verborgen. Wagner verzichtete auf seine finale NBBL-Saison und die damit verbundene Möglichkeit, im Profikader der Albatrosse weitere Erfahrungen zu sammeln und entschied sich für den Schritt an die University of Michigan. Auch hier dauerte es, bis der Berliner sich akklimatisieren konnte: 2,9 Punkte und 1,6 Rebounds in 8,6 Minuten pro Partie standen in seiner Rookie-Saison zu Buche.

Im Spox-Interview bestätigte Wagner, dass ihm die ersten Monate durchaus schwerfielen: „Der erste Sommer war schon ein bisschen hart. Hauptsächlich, weil ich so weit von zu Hause weg war.“ Die gesamte Situation war einfach ungewohnt, doch das Talent ging den Weg konsequent weiter. Im Endeffekt genau die richtige Entscheidung: Nach 12,1 Punkten pro Partie in seiner zweiten Saison, war er in seinem dritten Jahr endgültig in der NCAA-Welt angekommen. Durchschnittlich 14,6 Punkte und 7,1 Rebounds konnte der Big Man für sich verzeichnen und dabei auch auf der ganz großen Bühne performen. Mit 24 Punkten und 15 Rebounds im Halbfinale des renommierten NCAA Division 1 Championships (auch als March Madness bekannt) gegen die Loyola Ramblers war Wagner der ausschlaggebende Faktor für den Finaleinzug seiner Wolverines. Zwar langte es im Finale nicht zum ganz großen Wurf und die Wolverines mussten sich Villanova deutlich geschlagen geben, das Interesse vieler NBA-Scouts hatte Wagner nachhaltig für sich gewonnen.

Folgerichtig sicherten sich die Los Angeles Lakers seine Rechte mit dem 25. Pick des NBA-Drafts. Der endgültige Durchbruch ist ihm bis jetzt weder in Kalifornien, noch bei den Washington Wizards gelungen. Ein Blick auf Wagners beeindruckende Karriere zeigt aber, dass dieser in naher Zukunft alles andere als ausgeschlossen ist. Das Potential hierfür ist zweifelsfrei vorhanden.

Franz Wagner auf den Spuren des großen Bruders

Mit Spannung verfolgt Basketball-Deutschland aktuell auch die Entwicklung von Wagners jüngerem Bruder Franz. Der NBBL-Rookies des Jahres und TOP4-MVP der Saison 2017/18 verfolgt dabei einen sehr ähnlichen Karriere-Weg. Nach 4,6 Punkten pro Partie in der easycredit BBL und der Auszeichnung als Bester deutscher U22-Nachwuchsspieler entschied sich auch Franz Wagner gegen die gute Perspektive bei ALBA Berlin und für den Schritt ans College: Ebenfalls an die University of Michigan. Anders als der ältere Bruder, scheinen die Anfangsschwierigkeiten bei Franz wesentlich geringer. 11,6 Punkte und 5,6 Rebounds, so die imposanten Werte seiner ersten Spielzeit, die er zur neuen Spielzeit sogar noch weiter steigern konnte.

Auf den Listen der NBA-Scouts ist er in der Zwischenzeit ebenfalls angekommen. Gut möglich also, dass die beiden Brüder in naher Zukunft gemeinsam in der besten Basketballliga der Welt auflaufen.