Auch auf Isaiah Hartenstein liegt in der neuen NBA-Saison ein besonderes Augenmerk. Nach zwei eher schwierigen Saisons bei den Houston Rockets schnürt der 2,13 große Centerspieler seine Sneaker von nun an für die Denver Nuggets.

Hartenstein zur falschen Zeit am falschen Ort

Die Anforderungen an die Big Men der heutigen NBA haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert: Gefährlich sein von der Dreipunktelinie, eine gewisse Schnelligkeit, um Pick-and-Roll-Situationen switchen zu können, sowie eine immer bessere Spielübersicht gehören zum gewünschten Arsenal. Klassische Brettcenter der alten Schule sind hingegen immer seltener zu finden. Das alles klingt nach einer Situation wie gemacht für Isaiah Hartenstein. Schon zu JBBL- und NBBL-Zeiten verkörperte Hartenstein den modernen Big Man: Spiele mit sieben Dreierversuchen oder fünf Assists waren dabei keine Ausnahme.

Trotz alldem sollte Hartenstein der Durchbruch in der stärksten Basketballliga der Welt bislang nicht gelingen. Schuld daran hatten mit Sicherheit auch die besonderen Gegebenheiten in Houston in der vergangenen Saison. Die Rockets setzten wie kein anderes Team auf Würfe von jenseits der Dreipunktelinie. Das gesamte System basierte dabei größtenteils auf Isolationen für die beiden Superstars James Harden und Russel Westbrook. Für Centerspieler schien augenscheinlich kein Platz mehr zu sein. So wurde der Starting-5-Center Clint Capella im Laufe der Saison getradet und auch Hartenstein fand sich immer wieder nur auf der Bank wieder. Die Minuten auf der Center-Position teilten sich im Normalfall die beiden gelernten Flügelspieler Robert Covington (2,06 Meter) und P.J. Tucker (1,98 Meter). Der Trend spitzte sich immer weiter zu, sodass Hartenstein vor der Re-Start im vergangenen Sommer sogar entlassen wurde. Stattdessen zogen die Rockets es vor, ohne nominellen Centerspieler in die Endphase der Saison zu gehen.

Neue Chance bei den Denver Nuggets

Im Anschluss herrschte lange Unklarheit, wie es für Hartenstein weitergehen sollte. Zeitweise kursierten Gerüchte über ein mögliches Engagement beim FC Barcelona, die sich jedoch nicht bestätigen sollten. Hartenstein entschloss sich, seinen Weg in den USA weiterzugehen. Die Entscheidung fiel letztlich auf die Denver Nuggets, die dem in den USA geborenen Hartenstein einen 2-Jahres-Vertrag vorlegten. In Denver kämpft er dabei um die Back-Up-Minuten hinter All-Star Nikola Jokic, für Hartenstein eine vielversprechende Situation: „Bei der Entscheidung für Denver hat auch die Chance von ihm zu lernen eine Rolle gespielt.“ Anders als in Houston, wo er meist zwischen G-League und NBA-Bank pendelte, scheint der 22-Jährige in Denver fest zur Rotation zu gehören. In allen drei Vorbereitungsspielen sowie den beiden gespielten NBA-Partien kam Hartenstein zum Einsatz und wusste durchaus zu überzeugen: Zwar ist die Spielzeit aktuell noch ausbaufähig (18 Minuten in den ersten beiden Partien), der Big Man agiert jedoch deutlich selbstbewusster und kommt aktuell auf sechs Punkte und vier Rebounds pro Partie. Zu diesem neu gewonnenen Selbstbewusstsein passt auch seine Aussage „Ich möchte der beste Big Man der Liga von der Bank sein“ aus einem Interview mit dem SID.

Anfänge in Quakenbrück

Seine ersten Schritte in Richtung Profibasketball machte Hartenstein, dessen Vater Florian ebenfalls als Profi in der Basketball-Bundesliga aktiv war, in Quakenbrück. Bereits mit 13 Jahren spielte der bewegliche Center 2011/12 seine erste JBBL-Saison für die Young Dragons und kam auf respektable 11 Punkte und 4,1 Rebounds pro Partie. Werte, die er in den folgenden Saisons noch weiter verbessern konnte. Von 16,9 Punkten und 10,8 Rebounds in seinem zweiten Jahr auf überragende 24 Punkte und 12,8 Rebounds in seiner dritten und letzten JBBL-Saison. Die Young Dragons blieben dabei unter Head Coach Florian Hartenstein, der zum Trainer der Saison gewählt wurde, die gesamte Saison ungeschlagen. Hartenstein Junior wurde folgerichtig als MVP der regulären Saison 2013/14 ausgezeichnet. Da er seine Leistungen auch in den anschließenden Playoffs aufs Parkett bringen konnte, hatte er maßgeblichen Anteil, dass sich die Young Dragons erstmals den JBBL-Titel sichern konnten. Er selbst wurde zum MVP des TOP4 gewählt und rundete so eine überaus beeindruckende Saison für die gesamte Familie ab.

Über Litauen in die NBA

In der Saison 2014/15 folgte der Sprung in die NBBL und auch im Kader des damaligen Erstligisten war Hartenstein nun zu finden. Mit 20,2 Punkten und 12 Rebounds pro Partie wusste er dabei bereit als Spieler des jüngsten Jahrgangs in der U19-Bundesliga zu überzeugen. Beeindruckend dabei insbesondere seine 30 Rebounds in seiner ersten NBBL-Partie gegen die Eisbären Bremerhaven. In der Basketball Bundesliga reichte es unterdessen nur zu einem 1:12-minütigen Kurzeinsatz. Da die Artland Dragons sich nach Ende der Saison aus der deutschen Eliteliga zurückzogen und einen Neuanfang in der drittklassigen Pro B zu wagen, entschloss sich auch Hartenstein zukünftig neue Wege zu gehen. So wurde schnell der Wechsel zu Zalgiris Kaunas nach Litauen verkündet. Ursprünglich sollte Hartenstein, die Saison 2015/16 noch in Niedersachsen verbringen, etwas überraschend folgte jedoch bereits im Januar 2016 der Schritt ins Baltikum. Nach eineinhalb Jahren in Litauen, garniert mit einem nationalen Titel und Einsätzen in der Euroleague, folgte der NBA Draft und der Sprung nach Houston. Während er bei den Rockets nur selten Fuß fassen konnte, wusste er bei seinen Einsätzen für das G-League-Team der Rockets durchaus zu überzeugen. 19,5 Punkte und 14,2 Rebounds lieferte Hartenstein in der Saison 2018/19 für die Rio Grande Valley Vipers und hatte als Finals-MVP entscheidenden Anteil am Titelgewinn der Vipers.

Trotz seines jungen Alters hat Isaiah Hartenstein bereits eine beeindruckende Sammlung an Titeln und individuellen Auszeichnungen vorzuweisen. Auch für die deutsche A-Nationalmannschat stand er bereits 19-mal auf dem Parkett. Durchaus möglich, dass bald ein weiterer Titel hinzukommen könnte. Beim letztjährigen Conference-Finalisten Denver hat er jedenfalls nicht die schlechtesten Chancen auf einen NBA-Titel. Ob die gewünschte persönliche Auszeichnung als bester (Center)-Spieler von der Bank ebenfalls realistisch wird, darf objektiv zwar hinterfragt werden, trotzdem dürfte die weitere Entwicklung Hartensteins in dieser Saison sehr interessant zu beobachten sein.