Nachwuchs und Jugend Basketball Bundesliga

Jens Staudenmayer im Interview über den deutschen Nachwuchs

  • Jens Staudenmayer easyCredit Basketball Bundesliga

Die Nachwuchs Basketball Bundesliga feiert mit der aktuellen Saison ihr zehnjähriges Bestehen. Die NBBL-Redaktion hat mit Jens Staudenmayer, dem kaufmännischen & sportlichen Leiter der easyCredit Basketball Bundesliga, über die Nachwuchsförderung in Deutschland gesprochen.

Wie wichtig ist guter deutscher Nachwuchs für die BBL?

Sehr wichtig, weil einheimische Spieler eine überdurchschnittlich hohe Identifikation schaffen und dazu beitragen, dass die deutsche Nationalmannschaft ihrer Lokomotive-Funktion gerecht werden kann. Eine Sportart wächst immer dann, wenn sie erfolgreich ist und die Spieler in der Öffentlichkeit bekannt sind. Zudem fällt es wesentlich leichter, „Köpfe“ aufzubauen, wenn sie „vor Ort“ ausgebildet wurden. Des Weiteren profitieren die Klubs von der Ausbildung ihrer eigenen Nachwuchskräfte – indem sie diese in ihren Verein weiter einbinden.

Jetzt könnte man sagen, dass die BBL doch ganz gut damit gefahren ist, sich zu öffnen und viele internationale Spieler zu holen. Die Qualität ist gestiegen, die Spiele wurden spektakulärer, auch die Zuschauerzahlen sind gestiegen. Würdest du da widersprechen?

Die Liga hat sich seit Einführung der Quote sportlich beachtlich weiterentwickelt. Das liegt unter anderem daran, dass die ausländischen Akteure für eine weitere qualitative Steigerung gesorgt haben. Zudem weisen mittlerweile eine ganze Reihe einheimische Spieler eine bemerkenswerte Qualität auf – sicherlich noch nicht in der von uns gewünschten Breite, aber auch das wird sich weiter entwickeln.

„Deutsche Spieler sollen noch mehr Verantwortung übernehmen“

Gibt es konkrete Ziele in eurer Vision 2020, die erreicht werden sollen?

Die Quote und ein Spielzeitziel sind bis 2020 festgeschrieben: Wir haben festgelegt, dass die Spielzeit der einheimischen Spieler ein Drittel der Gesamtspielzeit betragen soll. Dieses Ziel haben wir bereits erreicht. Jetzt steht der nächste Schritt an: indem aus der quantitativen eine qualitative Spielzeit entsteht. Bedeutet: Über kurz oder lang sollen die deutschen Spieler noch mehr Verantwortung auf dem Feld übernehmen. Das geschieht bereits, und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Also da bist du mit der Entwicklung zufrieden?

Beim Thema „Nachwuchsarbeit“ gilt eins zu beachten: Profisport mit seinen kurzfristig zu erzielenden Erfolgen und langfristig angelegte Nachwuchsentwicklung, wir denken und handeln hierbei in Zehn-Jahres-Zyklen, stehen sich teilweise konträr gegenüber. Für die Manager in den Klubs ist das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Aus einem zehn Jahre jungen Talent ist nun mal nicht mit einem Fingerschnipsen ein erstligatauglicher Spieler zu machen.

Neue Entwicklungen in der Nachwuchsarbeit der BBL, also wenn es neue Standards gibt – wird das von den Clubs selbst vorangetrieben oder kommen die Ideen aus der Liga selbst?

Wir sehen uns als Vordenker und Dienstleister für die Klubs. Wir geben Impulse, aber letztlich beschließen die Vereine sämtliche Standards im Nachwuchsbereich, wie beispielsweise die Einstellung von hauptamtlichen Jugendtrainern, selbst. Unsere Arbeit besteht darin, dass wir uns zunächst ein Bild machen – in dem wir zuhören, was die Vereine für realistisch halten. Aufgrund dessen entwickeln wir Vorschläge, die wir für einen Mehrwert halten. Letztlich müssen aber die Vereine davon überzeugt sein, dass ein Standard sie voranbringt. Diesbezüglich haben sich die Clubs in den vergangenen Jahren eine Menge abverlangt. Eine gewisse Anzahl hauptamtlicher Mitarbeiter, dazu die hauptamtlichen Jugendtrainer mit Mindestlohn, bevor es in Deutschland einen gesetzlichen gab. Dieser Schritt war jedoch notwendig, um überhaupt Berufsperspektiven und dauerhafte Verdienstmöglichkeiten zu schaffen.

Wir wissen aber auch, dass Standards kein Allheilmittel sind und wir den Bogen nicht überspannen dürfen. Schließlich leisten viele Vereine bereits deutlich mehr als vorgegeben wird – weil sie „Überzeugungstäter“ geworden sind.

Schrittweise Entwicklung der Nachwuchsförderung

Früher durfte, plakativ gesagt, jeder Club machen, was er für richtig hielt in Sachen Nachwuchs. Heute gibt es jede Menge Verpflichtungen. Kannst du einmal die Entwicklung der Nachwuchsförderung in der BBL skizzieren?

Nachdem alle erkannt hatten, dass es so nicht weitergehen konnte, haben wir, so wie bei vielen anderen Dingen auch, einen Stufenplan für die Quote eingeführt – mit einem schrittweisen Anstieg über die Jahre hinweg. Danach kamen die JBBL- und NBBL-Teams als logischem Unterbau und schließlich die Verpflichtungen hinsichtlich der inzwischen drei hauptamtlichen Jugendtrainer.

Parallel zu diesen Maßnahmen wurde der Ausbildungsfonds installiert. Ein Instrument, das mit den Beiträgen der Erstligisten, der ProA- und ProB-Teams eine erhebliche finanzielle Summe ins Nachwuchs-System spült. Aus diesem Fonds bestreiten wir unter anderem die Ausgleichszahlungen bei Spielerwechseln, die Trainerausbildung im Bereich „Hauptamtliche Jugendtrainer“ oder die gemeinsam mit dem DBB seit zwei Jahren durchgeführte Minitrainer-Offensive.

Nach zehn Jahren, wie lautet dein Fazit für die NBBL?

Die NBBL war in jedem Fall ein richtiger und wichtiger Schritt. Zum einen, Stichwort Trichter, hat sie dazu geführt, dass sich Basketball an den Standorten zentralisiert, in denen die Voraussetzungen vorhanden sind, um dort systematisch Nachwuchsleistungssport zu betreiben.

Die wichtigste Errungenschaft war indes, dass wir einen ganzjährigen Wettbewerb erzeugt haben. Gleichwohl sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, Stichwort Wettbewerbsqualität, an dem wir feststellen, dass der eigentliche Wettbewerb der Top-Talente nicht mehr innerhalb der NBBL stattfindet, sondern fast ausschließlich über den Weg Regionalliga, ProB oder gar ProA. Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Auch die schulischen Veränderungen (G8) haben insofern Auswirkungen, als dass man überprüfen muss, ob U18 oder U19 das Zielführende ist. Letztlich ist die klare Tendenz erkennbar, dass die Spieler frühzeitiger im Seniorenbereich Erfahrung sammeln. ProA- und ProB-Ligisten tragen dieser Entwicklung Rechnung, indem sie sich schrittweise Standards verschrieben haben, die dazu beitragen, weiteres Wachstum für den Basketball zu generieren.

Gibt es da schon konkrete Planungen?

Wir haben ein funktionierendes Produkt, aber es spricht nichts dagegen, nach zehn Jahren Dinge kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel: Wie können wir die Wettbewerbsqualität noch weiter verbessern? Es hilft den Beteiligten überhaupt nicht, wenn Teams nicht mehr in Vollbesetzung spielen oder extrem hohe Ergebnisse-Unterschiede zustande kommen. Modus- oder Altersänderungen könnten dem entgegenwirken.

Gemeinsame Nachwuchsförderung für den deutschen Basketball

Da passt meine nächste Frage: Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen BBL und DBB in Sachen Nachwuchsförderung?

Es gibt zahlreiche positive Beispiele – dazu gehört die konstruktive Zusammenarbeit bei den Themen „NBBL“, „JBBL“,  „Ligaausschuss“ und Minitrainer-Offensive.

Wenn wir jedoch noch mehr bewegen wollen, Stichwort „Breite gewinnen“, sollten wir die begrenzten Basketball-Ressourcen sinnvoll bündeln. So könnte beispielsweise das Hauptamt, das wir in den Vereinen geschaffen haben, auch der Arbeit in den Landesverbänden zuträglich sein. Oder ein hauptamtlicher Jugendtrainer könnte zudem den Posten des Trainerreferenten übernehmen.

Gibt es von der BBL aus irgendwelche Maßnahmen, die in Richtung Breitensport gehen, mit dem Ziel möglichst viele Kinder zu bewegen?

Auch da gibt es Aktivitäten. Mit der kinder+Sport Basketball Academy gehen wir an zehn Standorten in das fünfte Jahr und bewegen pro Jahr zwischen 20.000 und 30.000 Kinder! Unsere Klubs sind in den vergangenen Jahren inklusive ihrer Kooperationspartner deutlich gewachsen: Im Schnitt an allen BBL-Standorten um 5% pro Jahr! Das ist ein sehr beachtliches Wachstum. Man merkt deutlich, dass Leuchtturmstandorte, die auch eine mediale Reichweite erzeugen, automatisch Kinder anziehen. Unsere Clubs stehen vor der Herausforderung sich so zu strukturieren, dass sie sowohl Angebote schaffen für Kinder, die Basketball spielen wollen, aber insbesondere auch für diejenigen, die es auch können. Als Profisport-Organisation sind uns, was den Breitensport angeht, Grenzen gesetzt. Dennoch gibt es Klubs, beispielsweise ALBA BERLIN, die erfolgreich Breitensport betreiben.

Was ist die größte Baustelle im deutschen Nachwuchsbasketball?

Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren: So wie beispielsweise Henrik Rödl als Spieler ausgebildet wurde, so ist das heutzutage nicht mehr möglich – weil sich die Rahmenbedingungen stark verändert haben. Es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Auch die Art und Weise, wie Spieler ausgebildet werden, dies betrifft unter anderem Inhalte, Trainingsumfang und Betreuungsintensität, ist eine andere. Hinzu kommt das Schulsystem, das die Jugendlichen wesentlich stärker fordert, auch zeitlich. Wir haben heute ganz andere Strukturen, die auch ein höheres Investment erfordern.

Das zweite Thema betrifft die strukturelle Arbeit in den Clubs. Dabei geht es nicht um den fünften hauptamtlichen Trainer und nicht um noch mehr Investment. Vielmehr geht es darum, konzeptionell und strategisch zu arbeiten. Dies könnte beispielsweise ein Leiter eines Nachwuchsprogramms übernehmen. Zudem müssen wir weiter an der Qualität der Trainer arbeiten. Was sich abzeichnet ist, dass wir nicht nur Trainer ausbilden, sondern noch einen zweiten Zweig entwickeln, der das hauptamtliche Personal weiter qualifiziert.

Wie zufrieden bist du damit, wie die Clubs junge Spieler in der BBL einsetzen? Das ist ja ein Bereich, den man nur schwer mit Standards beeinflussen kann.

Das kann man in der Tat nicht verordnen. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Quotenregelung dafür sorgen wird, dass auch in den nächsten zwei, drei Jahren eine Anzahl an qualitativ guten Spielern hervorgebracht wird.

Wie ist der ideale Weg für einen jungen Spieler? College oder BBL?

Michael Reschke, der jetzt beim FC Bayern München im Fußball als Technischer Direktor arbeitet und über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz verfügt aus seiner jahrelangen Tätigkeit bei Bayer Leverkusen als Scout, hat etwas Richtiges gesagt. Nimm´ 20 Bundesligaspieler und du wirst 20 unterschiedliche Wege feststellen, wie sie ans Ziel gekommen sind! Es gibt keine Blaupause, keinen Musterweg. Ich glaube aber, dass der College-Weg für die Weiterentwicklung eines Bundesligaspielers aktuell eher nicht förderlich ist.

Du hast eben schon mal angesprochen, dass ihr was Standards angeht, mittlerweile weitgehend am Ende angekommen seid. Kann man da jetzt noch irgendwelche großen Sprünge oder Entwicklungsschritte kommen sehen?

Im Grunde geht es jetzt primär um strukturelle Voraussetzungen. Viele Klubs beschäftigen bereits mehr hauptamtliche Jugendtrainer als vorgeschrieben, einige haben noch einen Trainerstudenten, der sich in unserem Ausbildungsprogramm befindet. Benötigt werden jetzt immer mehr Menschen, die den Nachwuchs-Leistungsbereich gesamtmäßig strukturell verantworten.

Zum Schluss hast du noch die Möglichkeit Geburtstagswünsche an die NBBL loszuwerden.

Herzlichen Glückwunsch zu zehn erfolgreichen Jahren! Für die nächsten zehn Jahre wünsche ich mir den Mut, das Produkt so weiterzuentwickeln, dass es noch mehr Nutzen für den Nachwuchs-Leistungssport stiftet.

Die Fragen an Jens Staudenmayer stellte NBBL-Redakteur Dennis Nathem.
Foto: easyCredit Basketball Bundesliga

15.02.2017|